„Aber Frauen machen das auch“ – warum wir problematisches Verhalten so oft relativieren

Sylvia Kosek • 3. April 2026

Warum wir Gewalt und Machtmissbrauch relativieren – psychologisch erklärt

„Aber Frauen machen das auch.“
„Nicht alle Männer sind so.“
„Man darf jetzt auch nicht übertreiben.“

Diese Sätze fallen fast immer, wenn über Gewalt, Grenzüberschreitungen oder Machtmissbrauch gesprochen wird.
Und sie wirken auf den ersten Blick vernünftig. Ausgewogen. Differenziert. Fair.
Aber psychologisch erfüllen sie oft eine ganz andere Funktion.

Warum Relativierung so entlastend wirkt
Wenn wir von Gewalt oder Übergriffen hören, passiert innerlich etwas:
  
Es erzeugt Spannung.
Denn solche Themen konfrontieren uns mit unangenehmen Fragen:
Wie sicher ist die Welt wirklich?
Könnte mir oder Menschen in meinem Umfeld so etwas passieren?
Habe ich selbst schon etwas übersehen oder nicht ernst genommen?
Diese Spannung wollen wir reduzieren.  Und genau hier setzt Relativierung an.
Sätze wie„nicht alle Männer“ oder „Frauen machen das auch“ helfen, diese innere Unruhe kurzfristig zu beruhigen.
Es geht oft nicht um den Inhalt – sondern um die Funktion
Wichtig ist: Diese Aussagen sind nicht automatisch falsch. Natürlich gibt es unterschiedliche Formen von Gewalt. Natürlich sind nicht alle Menschen gleich.  Aber darum geht es in diesem Moment oft gar nicht.

Psychologisch erfüllen diese Sätze eine Funktion:
Sie verschieben den Fokus weg von: dem konkreten Problem hin zu: einer abstrakten Ausgewogenheit
Und damit wird etwas vermieden: die direkte Auseinandersetzung mit dem Unangenehmen

Die Angst vor klarer Positionierung
Ein weiterer Mechanismus ist Ambiguitäts- und Konfliktvermeidung. Klar Stellung zu beziehen bedeutet, sich festzulegen, mögliche Gegenreaktionen auszuhalten, sich mit Schuld, Verantwortung oder Ungleichheit auseinanderzusetzen.

Relativierung ermöglicht etwas anderes:
  „Ich bleibe neutral.“
Oder zumindest fühlt es sich so an. Wenn das Problem zu nah kommt.

Besonders stark wird Relativierung, wenn das Thema persönlich relevant wird:
im eigenen sozialen Umfeld
im eigenen Arbeitskontext
oder in Bezug auf die eigene Rolle
Dann entsteht schnell ein innerer Konflikt:   „Was bedeutet das für mich?“

Relativierung kann hier schützen:
vor Schuldgefühlen
vor Unsicherheit
vor dem Gefühl, handeln zu müssen

„Nicht alle Männer“ – was in diesem Satz mitschwingt
Dieser Satz wird oft als Abwehr erlebt – und das hat einen Grund. Denn er verschiebt die Ebene: Von: strukturellen oder wiederkehrenden Mustern
zu: individueller Verteidigung.
Psychologisch steckt dahinter häufig das Bedürfnis, sich selbst nicht mitgemeint zu fühlen.

Angst vor pauschaler Zuschreibung, Schutz des eigenen Selbstbildes
 Auch das ist verständlich – aber es verändert die Richtung des Gesprächs.

Warum auch Frauen relativieren
Ein wichtiger Punkt: Relativierung ist kein „Männerproblem“. Auch Frauen greifen darauf zurück.
Warum?   Weil es nicht primär um Geschlecht geht, sondern um psychische Entlastung.
Zum Beispiel:
um sich nicht als potenziell betroffen erleben zu müssen
um das Gefühl von Sicherheit aufrechtzuerhalten
um bestehende Beziehungen oder Systeme nicht infrage zu stellen

Das eigentliche Dilemma: Relativierung hat eine kurzfristige Wirkung. Sie reduziert innere Spannung.
Langfristig hat sie jedoch einen Preis:  Sie verhindert, dass Probleme klar benannt werden. Und genau dadurch können sie bestehen bleiben.

Was stattdessen hilfreich wäre
Nicht: mehr Zuspitzung.
Aber auch nicht: Ausweichen.
Sondern: Spannung aushalten
Das bedeutet anerkennen, dass ein Problem existiert ohne sofort zu relativieren, ohne sich selbst sofort verteidigen zu müssen
Zum Beispiel:
Statt: „Nicht alle Männer sind so“→ „Es scheint ein wiederkehrendes Muster zu geben – das sollte man ernst nehmen.“

Fazit
Relativierung ist kein Zeichen von Gleichgültigkeit. Oft ist sie ein Versuch, mit etwas Unangenehmem umzugehen. Aber genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen:
 Dient das, was ich gerade sage, der Klärung?
Oder eher meiner eigenen Entlastung?

Solche Dynamiken laufen oft unbewusst ab. Sie zu erkennen, ist kein Vorwurf – sondern ein erster Schritt zu mehr Klarheit im Umgang mit schwierigen Themen.

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Ein Gefühl, das viele kennen – und über das erstaunlich wenig gesprochen wird. Wir leben in einer Zeit, in der sich Lebensläufe nicht mehr linear entwickeln. Jobs wechseln, Beziehungen verändern sich, Wohnorte kommen und gehen. Möglichkeiten sind nicht mehr begrenzt, sondern scheinbar endlos. Das klingt nach Freiheit. Und ist es auch. Aber diese Freiheit hat eine leise Kehrseite: Sie stellt unsere Identität auf eine dauerhafte Probe. Wenn das Leben kein roter Faden mehr ist Früher war Identität oft stärker vorgegeben. Beruf, Rolle, Umfeld – vieles blieb über Jahre stabil. Daraus entstand ein Gefühl von Kontinuität: „So bin ich.“ Heute dagegen erleben viele ihr Leben eher als eine Abfolge von Versionen: • unterschiedliche Jobs • verschiedene soziale Rollen • wechselnde Lebensentwürfe Man passt sich an, entwickelt sich weiter, entdeckt neue Seiten an sich. Und irgendwann taucht eine irritierende Frage auf: Was davon bin „ich“ – und was nur eine Phase? Die paradoxe Herausforderung der Möglichkeiten Mehr Optionen bedeuten nicht automatisch mehr Klarheit. Oft ist das Gegenteil der Fall. Wenn vieles möglich ist, wird jede Entscheidung auch zu einer Abgrenzung. Für etwas zu wählen heißt gleichzeitig, vieles andere nicht zu wählen. Das kann subtilen Druck erzeugen. Nicht laut, nicht dramatisch – aber konstant. Denn mit jeder Veränderung stellt sich neu: Passe ich noch zu mir? Oder muss ich mich wieder neu erfinden? Warum unser Bedürfnis nach Stabilität trotzdem bleibt So flexibel wir heute leben – unser psychisches Grundbedürfnis hat sich nicht verändert. Wir brauchen ein Gefühl von: • innerer Konsistenz • Zugehörigkeit zu uns selbst • Verlässlichkeit über die Zeit Wenn dieses Gefühl brüchig wird, entsteht oft eine diffuse Unsicherheit. Nicht unbedingt als Krise,sondern eher als leises Gefühl von „nicht ganz verankert sein“. Zwischen Entwicklung und Selbstverlust Veränderung ist wichtig. Sie ermöglicht Wachstum, neue Perspektiven, neue Erfahrungen. Doch wenn Veränderung zum Dauerzustand wird, kann etwas verloren gehen: das Gefühl, einen inneren Kern zu haben, der bleibt. Man funktioniert in unterschiedlichen Kontexten gut. Aber die Verbindung dazwischen wird schwächer. Es entsteht das Gefühl: „Ich kann vieles sein – aber ich bin mir selbst nicht mehr ganz greifbar.“ Identität ist kein fixer Zustand Vielleicht liegt das Missverständnis darin, wie wir Identität verstehen. Wir suchen oft nach etwas Festem, Klaren, Dauerhaften. Nach einer Antwort auf die Frage: „So bin ich.“ Doch psychologisch betrachtet ist Identität kein statischer Zustand. Sondern ein Prozess. Sie entsteht nicht trotz Veränderung. sondern in der Art und Weise, wie wir Veränderung integrieren. Was innere Kontinuität wirklich schafft Das Gefühl von „Ich bleibe ich“ entsteht weniger durch äußere Stabilität als durch innere Verbindung. Zum Beispiel durch: • wiederkehrende Werte • typische Reaktionsmuster • zentrale Bedürfnisse • persönliche Bedeutungen, die sich durchziehen Diese Elemente verändern sich langsamer als unsere Lebensumstände. Sie sind oft weniger sichtbar – aber tragender. Ein anderer Blick auf Identität Vielleicht geht es gar nicht darum, eine feste Identität zu finden, sondern darum, Zusammenhang zu schaffen. Zwischen dem, was war. Dem, was ist, und dem, was noch kommt. Nicht jede Phase muss „die richtige“ sein. Aber sie kann Teil einer größeren Geschichte werden. Die entscheidende Frage In einer Welt voller Möglichkeiten verschiebt sich die zentrale Frage vielleicht ein Stück: Nicht mehr nur: Wer bin ich?“ Sondern auch: „Was bleibt von mir – egal, wie sich mein Leben verändert?“ Warum dieses Thema gerade jetzt wichtig ist Noch nie war es so normal, sich mehrfach neu zu erfinden. Noch nie war es so leicht, Lebensentwürfe zu wechseln. Und gleichzeitig berichten viele von einem wachsenden Gefühl innerer Unklarheit. Das ist kein Zufall. Sondern eine logische Folge der Welt, in der wir leben. Vielleicht ist Identität heute weniger ein fester Ort – und mehr eine Fähigkeit: Die Fähigkeit, sich zu verändern, ohne sich zu verlieren.
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