Wenn das Jahr leiser wird – eine Einladung zur Reflexion

Sylvia Kosek • 26. Dezember 2025

Gedanken und Gefühle sortieren, wenn das Jahr sich dem Ende zuneigt

Gegen Ende des Jahres verändert sich oft etwas in uns. Die Tage werden kürzer, das Tempo draußen scheint sich zu verlangsamen – und manchmal entsteht ein Raum, in dem Gedanken lauter werden. Viele Menschen spüren in dieser Zeit den Wunsch, innezuhalten: zurückzublicken, zu sortieren, vielleicht auch zu verstehen.

Im psychotherapeutischen Sinn ist das Jahresende kein natürlicher „Abschluss“, sondern ein symbolischer. Und genau darin liegt seine Kraft. Symbole helfen uns, innere Prozesse greifbar zu machen.

Rückblick: Was war eigentlich los in meinem Jahr?

Reflexion bedeutet nicht, eine Bilanz im Sinne von „gut“ oder „schlecht“ zu ziehen. Vielmehr geht es darum, wahrzunehmen:

Was hat mich dieses Jahr beschäftigt?

Welche Situationen haben mich Kraft gekostet – und welche haben mir Energie gegeben?

Gab es Momente, in denen ich mir selbst näher war als sonst?

Manche Menschen merken, dass sie vor allem auf das schauen, was nicht gelungen ist. Das ist menschlich – unser Gehirn ist sehr gut darin, Fehler zu speichern. Eine hilfreiche Übung kann sein, bewusst auch nach dem Unscheinbaren zu suchen: kleine Fortschritte, überstandene Krisen, leise Entscheidungen.

Gefühle am Jahresende: Alles darf da sein

Nicht selten mischen sich zum Jahresende ganz unterschiedliche Gefühle: Dankbarkeit und Traurigkeit, Erleichterung und Müdigkeit, Hoffnung und Sorge. Gerade in einer Gesellschaft, die den Jahreswechsel oft mit Optimismus und Vorsätzen verbindet, kann das irritierend sein.

Aus psychotherapeutischer Sicht ist wichtig: Gefühle müssen nicht „passen“. Sie sind keine To-do-Liste. Wenn sich Melancholie zeigt, darf sie da sein. Wenn Leere spürbar wird, kann auch das eine wichtige Information sein – vielleicht über Erschöpfung, vielleicht über unerfüllte Bedürfnisse.

Reflexion ohne Selbstverurteilung

Reflexion wird dann belastend, wenn sie in inneren Vorwürfen endet. Fragen wie „Warum bin ich immer noch nicht weiter?“ oder „Andere kriegen das doch auch hin“ führen selten zu Wachstum.

Hilfreicher sind freundlichere, offenere Fragen, zum Beispiel:

Was habe ich dieses Jahr über mich gelernt?

In welchen Momenten habe ich versucht, gut für mich zu sorgen – auch wenn es nicht perfekt war?

Was wünsche ich mir weniger für das kommende Jahr? (Nicht nur: mehr.)

Diese Haltung nennt man in der Therapie oft eine wohlwollende Selbstbeobachtung.

Ausblick: Kleine Ausrichtungen statt großer Vorsätze

Das neue Jahr muss kein neues Ich hervorbringen. Große Vorsätze scheitern oft nicht an mangelnder Disziplin, sondern an zu hohen Erwartungen.

Vielleicht reicht eine leise Ausrichtung:

etwas mehr Pausen,

etwas mehr Ehrlichkeit mit sich selbst,

etwas weniger Härte im inneren Dialog.

Manchmal ist der wichtigste Schritt nicht nach vorne, sondern nach innen.

Zum Schluss

Das Jahresende ist keine Prüfung und kein Zeugnis. Es ist eine Einladung. Eine Einladung, kurz stehen zu bleiben, zurückzuschauen – und sich selbst dabei mit etwas mehr Verständnis zu begegnen.

Wenn Sie mögen, nehmen Sie sich in den kommenden Tagen ein paar ruhige Minuten. Nicht, um Antworten zu finden. Sondern um zuzuhören.
von Sylvia Kosek 9. Januar 2026
Viele Menschen kennen dieses Muster: Man verliebt sich neu – und merkt nach einiger Zeit, dass die Beziehung sich erstaunlich vertraut anfühlt. Wieder die gleichen Konflikte. Wieder die gleichen Verletzungen. Wieder das Gefühl, „irgendwie kenne ich das alles schon“. Doch warum geraten wir immer wieder in ähnliche Beziehungskonstellationen? Und wieso fällt es so schwer, wirklich andere Partner:innen zu wählen? Die Antwort hat weniger mit Pech zu tun, als viele glauben. Sie liegt tief in unserer Bindungsbiografie und den Mustern, die wir früh gelernt haben. Dieser Artikel zeigt dir verständlich, warum wir uns immer wieder dieselben Partner:innen aussuchen – und wie du diesen unbewussten Kreislauf verändern kannst. Warum Wiederholungen in Beziehungen kein Zufall sind Unsere Partnerwahl wird stark von Erfahrungen geprägt, die wir in der Kindheit gemacht haben: • Wie wurde mit uns gesprochen? • Was mussten wir tun, um Nähe zu bekommen? • Wie wurde mit Konflikten umgegangen? • Durften wir Bedürfnisse haben? Diese frühen Erlebnisse formen Bindungsmuster, die später im Erwachsenenalter wirken – oft unsichtbar, aber machtvoll. Wir suchen selten das, was uns guttut. Wir suchen das, was uns vertraut ist. Und Vertrautheit fühlt sich an wie „Liebe“, auch wenn sie uns gar nicht gut tut. 🔄 Warum wir immer wieder ähnliche Partner:innen wählen 1. Vertrautheit fühlt sich sicher an – selbst wenn sie schmerzt Das Gehirn liebt Wiederholung. „Bekannt“ wird automatisch mit „sicher“ verwechselt. Ein Beziehungsmuster kann sich deshalb richtig anfühlen, obwohl es uns belastet. 2. Unbewusste Bindungsmuster steuern unsere Wahl Menschen mit ähnlichen Bindungserfahrungen ziehen sich oft an. Beispiel: • Wer Zuneigung nur gegen Leistung gelernt hat, sucht Partner:innen, die schwer erreichbar sind. • Wer Nähe als bedrohlich erlebt hat, fühlt sich von emotional distanzierten Menschen angezogen. 3. Wir hoffen, die alte Geschichte endlich „richtig zu machen“ Psychologisch nennt man das Wiederholungszwang. Wir wählen Partner:innen, die uns an frühe Bezugspersonen erinnern, in der unbewussten Hoffnung: „Diesmal gelingt es mir, geliebt zu werden, wie ich bin.“ 4. Selbstwert spielt eine große Rolle Wer seinen eigenen Wert nicht fühlt, wählt Menschen, die diesen inneren Zweifel spiegeln. So entstehen Beziehungen, in denen man sich ständig anstrengt, aber selten gesehen fühlt. 5. Unsere blinden Flecken bestimmen, wen wir attraktiv finden Oft verwechseln wir Anziehung mit Intensität: Drama, Unsicherheit oder starke Schwankungen werden als „Chemie“ interpretiert – obwohl sie eher emotionale Alarmzeichen sind. 💛 Wie wir den Kreislauf durchbrechen können 1. Muster erkennen – das ist der wichtigste Schritt Fragen, die helfen: • Welche Art von Menschen zieht mich immer wieder an? • Welche Situationen wiederholen sich? • Wie fühle ich mich meist in Beziehungen – und woher kenne ich dieses Gefühl? Bewusstsein verändert alles. 2. Langsam werden – nicht sofort der Anziehung folgen Schnelle Verliebtheit verschleiert oft Warnsignale. Wer lernt, Anziehung zu beobachten, statt ihr blind zu folgen, kann bewusster wählen. 3. Den eigenen Wert stärken Je klarer der Selbstwert, desto leichter erkennt man, was man verdient – und was nicht. 4. Neue Erfahrungen zulassen Manchmal sind die Menschen, die uns guttun würden, die, die sich am Anfang „ungewohnt ruhig“ oder „zu freundlich“ anfühlen. Das Ungewohnte ist oft das Gesunde. 5. Professionelle Begleitung Therapie hilft, alte Bindungsmuster sichtbar zu machen und sicherere Formen von Beziehung aufzubauen. Denn oft braucht es nicht „den richtigen Menschen“ – sondern innere Klarheit. Fazit: Muster sind mächtig – aber nicht stärker als Bewusstsein Wir wählen Partner:innen nicht zufällig. Wir wiederholen das, was wir kennen. Doch sobald wir verstehen, was in uns wirkt, beginnt Veränderung: 👉 wir fühlen klarer, 👉 wir wählen bewusster, 👉 wir schaffen Platz für Beziehungen, die wirklich guttun. Du musst deine Vergangenheit nicht wiederholen. Du darfst etwas Neues wählen.
von Sylvia Kosek 26. Dezember 2025
Der Jahreswechsel fühlt sich für viele wie ein Neustart an. Ein leeres Kalenderblatt, ein symbolischer Anfang, ein Versprechen an uns selbst: „Dieses Jahr wird alles anders.“ Doch kaum sind die ersten Wochen vergangen, rutschen viele wieder in alte Gewohnheiten zurück. Die Vorsätze geraten in Vergessenheit, und zurück bleiben Frust, Scham oder das Gefühl, „es wieder nicht geschafft zu haben“. Warum ist das so? Und wie kann man Neujahrsvorsätze so gestalten, dass sie tatsächlich gut tun – statt Druck zu machen? In diesem Artikel erfährst du, was psychologisch hinter dem Jahreswechsel steckt, warum gute Vorsätze oft scheitern und wie du Ziele findest, die wirklich zu dir passen. Warum der Jahreswechsel emotional so stark wirkt Der Übergang in ein neues Jahr löst bei vielen Menschen ein Gefühl von Hoffnung aus. Gleichzeitig wirkt er wie ein Spiegel: • Was lief dieses Jahr gut? • Was möchte ich ändern? • Was fehlt mir? Psychologisch betrachtet ist der Jahreswechsel ein „natürlicher Reflexionspunkt“ – ähnlich wie Geburtstage oder große Lebensereignisse. Er lädt ein, Ziele zu formulieren. Aber er lädt auch dazu ein, unrealistische Erwartungen an sich selbst zu stellen. Warum Neujahrsvorsätze so oft scheitern 1. Ziele sind zu groß oder zu unklar „Ab jetzt werde ich …“ ist ein klassischer Vorsatzanfang, aber oft ohne klare Umsetzung. Das Gehirn braucht Konkretes, keine Ideale. 2. Wir unterschätzen unsere Gewohnheiten Gewohnheiten sind tief verankert. Ohne konkrete Strategien greifen alte Muster automatisch wieder. 3. Vorsätze entstehen aus Selbstkritik, nicht aus Selbstverbundenheit Viele setzen Vorsätze aus dem Gefühl heraus, nicht gut genug zu sein. Doch Veränderung entsteht leichter aus Selbstfürsorge als aus Selbstabwertung. 4. Wir arbeiten gegen unsere Identität – statt mit ihr Wenn ein Ziel nicht zu unserem Selbstbild passt („Ich bin halt unsportlich“), wird das Umsetzen schwer. 5. Schuldgefühle lähmen statt motivieren Scheitern an Vorsätzen führt oft zu Scham – und die führt selten zu Veränderung. Wie Vorsätze gelingen können – psychologisch fundierte Strategien 1. Klein statt groß – Mikroziele setzen Statt: „Ich mache jetzt täglich Sport.“ Besser: „Ich bewege mich 10 Minuten am Tag.“ Kleine Erfolge schaffen Motivation, keine Überforderung. 2. Ziele positiv formulieren Nicht: „Ich höre auf, mich schlecht zu ernähren.“ Sondern: „Ich möchte meinem Körper mehr Energie geben.“ 3. Realistisch bleiben Frage dich: • Ist dieses Ziel erreichbar? • Passt es zu meinem Leben? • Habe ich Ressourcen dafür? 4. Bedürfnisse erkennen statt Ideale verfolgen Vorsätze sollten Antworten auf echte Bedürfnisse sein: Ruhe, Gesundheit, soziale Verbindung, Grenzen, Selbstwirksamkeit. 5. Rückschritte einplanen Veränderung ist kein linearer Weg. Wenn ein Tag nicht klappt, ist das kein Scheitern – sondern normal. 6. Identität stärken Statt „Ich muss mehr lesen“: „Ich möchte ein Mensch sein, der sich Zeit für Wissen nimmt.“ Identitätsziele sind stabiler als reine Verhaltensvorgaben. Warum Selbstmitgefühl der wichtigste Erfolgsfaktor ist Der härteste Antreiber ist oft die innere Stimme, die sagt: „Du musst besser werden.“ Doch psychologische Forschung zeigt: Menschen verändern sich nachhaltiger, wenn sie freundlich mit sich umgehen. Selbstmitgefühl reduziert Stress, erhöht Motivation und unterstützt langfristige Gewohnheitsänderungen. Fazit: Neujahrsvorsätze müssen nicht scheitern – wenn wir sie anders denken Der Jahreswechsel kann ein schöner Moment der Reflexion sein. Aber Veränderung entsteht nicht durch Druck – sondern durch Klarheit, kleine Schritte und eine freundliche innere Haltung. Du musst nicht alles neu erfinden. Aber du kannst entscheiden, welchen nächsten kleinen Schritt du gehen willst.
von Sylvia Kosek 19. Dezember 2025
Die Weihnachtszeit gilt als festlich, warm und harmonisch. Doch für viele Menschen bringt sie das Gegenteil mit sich: Einsamkeit, emotionaler Druck, depressive Verstimmungen oder Angst. Warum treten psychische Probleme gerade rund um Weihnachten vermehrt auf – und wie kann man gut durch diese Zeit kommen? Dieser Artikel erklärt die häufigsten Belastungsfaktoren und zeigt hilfreiche, therapeutisch fundierte Strategien auf. Am Ende findest du wichtige Notfallnummern in Wien. ________________________________________ Warum psychische Probleme in der Weihnachtszeit zunehmen 1. Unerfüllte Erwartungen & gesellschaftlicher Druck Weihnachten wird romantisiert: perfekte Familien, strahlende Kinderaugen, Harmonie und Nähe. Wenn die eigene Realität davon abweicht – sei es durch Konflikte, Trennung, Einsamkeit oder Überlastung – entsteht oft ein schmerzhaftes Gefühl des „Nicht-genug-Seins“. Dieser innere Druck kann depressive Symptome verstärken oder überhaupt erst auslösen. 2. Einsamkeit: Das unsichtbare Festtagsproblem Während andere feiern, merken viele Menschen besonders stark, dass sie allein sind. Auch wer soziale Kontakte hat, kann sich innerlich isoliert fühlen. Einsamkeit ist einer der stärksten Risikofaktoren für psychische Krisen in der Adventszeit. 3. Lichtmangel & Winterdepression Der Winter bringt weniger Tageslicht – für manche Menschen führt das zu saisonalen Stimmungstiefs. Müdigkeit, Antriebslosigkeit, erhöhte Reizbarkeit und verstärkte Traurigkeit sind typische Anzeichen. 4. Stress, Überforderung und emotionale Altlasten Zwischen Geschenken, Terminen, Familie, Erwartungen und Perfektionismus geraten viele unter Druck. Unausgesprochene Konflikte tauchen gerade dann auf, wenn „alles schön sein soll“ – und belasten zusätzlich. 5. Die Leere nach den Feiertagen Auch nach Weihnachten erleben viele ein emotionales Tief. Die große Anspannung fällt ab, Erwartungen lösen sich auf, und plötzlich entsteht innere Leere oder Orientierungslosigkeit. Wie du psychisch gesund durch die Weihnachtszeit kommst 1. Realistische Erwartungen setzen Du musst kein perfektes Fest liefern. Überlege dir bewusst: Was ist mir wichtig – und was kann ich loslassen? Weniger Perfektionismus = weniger Stress. 2. Auf dich selbst achten: Selbstfürsorge ernst nehmen • regelmäßige Pausen • Spaziergänge oder Bewegung • Atemübungen und Entspannung • warme Routinen (Tee, Musik, Lesen) • ausreichend Schlaf und Struktur Schon kleine Rituale können deine Stimmung stabilisieren. 3. Soziale Verbindung – auch im Kleinen Wenn du einsam bist: • kontaktiere eine Person, der du vertraust • plane eine kleine gemeinsame Aktivität • nutze lokale Angebote oder Gruppen • erinnere dich: Nähe entsteht oft im Kleinen, nicht durch große Gesten 4. Professionelle Hilfe annehmen Wenn du merkst, dass dich die Gefühle überfordern oder länger anhalten, ist therapeutische Unterstützung sinnvoll. Psychotherapeut:innen können helfen, Muster zu erkennen, Belastungen zu sortieren und einen individuell passenden Umgang zu finden. 5. Licht & Struktur gegen die Winterdepression • täglich Tageslicht nutzen, schon 20–30 Minuten helfen • Lichttherapie (nach Rücksprache mit Fachpersonen) • geregelter Tagesablauf • Bewegung, auch bei Kälte Warnzeichen: Wann du dringend Hilfe brauchst Bitte nimm folgende Signale ernst, insbesondere rund um Weihnachten: • anhaltende Niedergeschlagenheit oder Hoffnungslosigkeit • Schlafstörungen, Appetitverlust oder starke Erschöpfung • sozialer Rückzug • das Gefühl, dem Alltag nicht mehr gewachsen zu sein • Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid Wenn du solche Gedanken hast: Hol dir sofort Unterstützung. Notfallnummern in Wien – Hilfe rund um die Uhr Telefonseelsorge (Österreichweit, 24/7): 142 Sozialpsychiatrischer Notdienst Wien (24/7): +43 1 131 33 30 Kriseninterventionszentrum Wien: +43 1 406 95 95 (Mo–Fr, 10:00–17:00) PSD Wien – Sorgenhotline: +43 1 53000 Rettung / Krankenwagen: 144 Polizei (bei akuter Selbst- oder Fremdgefährdung): 133 Fazit: Weihnachten muss nicht perfekt sein – aber du musst nicht allein bleiben Die Weihnachtszeit kann herausfordernd sein – und das ist völlig normal. Es bedeutet nicht, dass mit dir „etwas falsch“ ist. Ob Stress, Einsamkeit oder emotionale Krisen: Du hast das Recht auf Unterstützung und Entlastung. Hilfe holen ist ein Zeichen von Stärke. Und oft der erste Schritt, die Feiertage wieder mit mehr Ruhe, Selbstmitgefühl und Stabilität zu erleben.
von Sylvia Kosek 12. Dezember 2025
Wenn die Tage kürzer werden und das Licht schwindet, merken viele Menschen, dass ihre Stimmung sinkt. Man fühlt sich erschöpft, unmotiviert, gereizt oder einfach „nicht ganz man selbst“. Doch wann handelt es sich um einen harmlosen Winterblues – und wann um eine ernstzunehmende Winterdepression? Gerade in den dunklen Monaten ist es wichtig zu wissen, wie man die beiden unterscheiden kann. Dieser Artikel erklärt dir verständlich, woran du eine saisonale Verstimmung erkennst, welche Symptome auf eine echte depressive Episode hinweisen und welche Maßnahmen wirklich helfen können. Warum der Winter so sehr auf die Stimmung schlagen kann Lichtmangel beeinflusst unseren Körper stärker, als viele glauben. Wenn es draußen grau und dunkel ist, verändert sich: • unser Schlaf-Wach-Rhythmus • die Produktion von Serotonin (Stimmungsregulation) • die Ausschüttung von Melatonin (Schlafhormon) • unser Energieniveau Das bedeutet: Der Winter belastet die Psyche – und das ist vollkommen normal. Doch wie stark, ist individuell sehr unterschiedlich. ❄️ Was ist der Winterblues? Der Winterblues ist eine leichte, vorübergehende Verstimmung, die viele Menschen kennen. Typisch sind: • weniger Energie • mehr Müdigkeit • geringere Motivation • leichte Gereiztheit • erhöhtes Ruhebedürfnis • Lust auf Kohlenhydrate oder Süßes • soziale Rückzugstendenzen (aber nicht vollständig) Wichtig: Beim Winterblues bleibt die grundsätzliche Lebensfreude erhalten. Man kommt noch aus dem Bett, kann arbeiten, seinen Alltag bewältigen – es fällt nur etwas schwerer als sonst. Der Winterblues ist keine Erkrankung, sondern eine jahreszeitlich bedingte Reaktion des Körpers. 🌑 Was ist eine echte Winterdepression (Saisonal abhängige Depression – SAD)? Eine Winterdepression ist eine medizinisch anerkannte Form der Depression, die regelmäßig im Herbst/Winter auftritt und im Frühjahr wieder abklingt. Typische Symptome: • anhaltende Niedergeschlagenheit, die den Alltag stark einschränkt • deutlich geringerer Antrieb (z. B. Schwierigkeiten, aufzustehen) • starker sozialer Rückzug • Gefühl von Hoffnungslosigkeit oder innerer Leere • schwere Müdigkeit, manchmal fast bleierne Erschöpfung • Konzentrationsprobleme • starker Appetit auf Kohlenhydrate / deutliche Gewichtszunahme • deutlich reduziertes Selbstwertgefühl • manchmal Gedanken wie: „Ich halte das nicht mehr aus.“ Der entscheidende Unterschied: Eine Winterdepression beeinträchtigt das Leben deutlich und dauerhaft. Wer sich über Wochen nicht mehr wie „er selbst“ fühlt, sollte professionelle Unterstützung suchen. 💛 Was du selbst tun kannst – egal ob Winterblues oder SAD 1. So viel Tageslicht wie möglich Tägliche kurze Spaziergänge – selbst bei schlechtem Wetter – haben nachweislich positive Effekte. 2. Lichttherapie (nach Rücksprache) Besonders wirksam bei echter Winterdepression. 3. Bewegung Moderate Bewegung hebt die Stimmung und reguliert den Schlaf. 4. Geregelter Tagesrhythmus Regelmäßige Zeiten für Schlaf, Essen, Pausen. 5. Soziale Kontakte bewusst pflegen Auch wenn es schwer fällt: Kleine Begegnungen wirken stabilisierend. 6. Professionelle Unterstützung suchen Wenn die Symptome anhalten oder zunehmen, ist Therapie sinnvoll und wirkungsvoll. Wann du unbedingt Hilfe holen solltest • wenn die Traurigkeit länger als zwei Wochen anhält • wenn du kaum noch Energie für den Alltag hast • wenn du dich zurückziehst und Kontakte meidest • wenn du keine Freude mehr empfindest • wenn Gedanken auftauchen, dass „alles keinen Sinn mehr hat“ Eine Winterdepression ist behandelbar – du musst nicht alleine da durch. Fazit: Dunkle Tage bedeuten nicht, dass du dunkel bist Stimmungsschwankungen im Winter sind normal. Aber wenn aus einer Verstimmung ein „emotionaler Winter“ wird, hilft es, den Unterschied zu kennen – und Unterstützung anzunehmen. Du darfst dich um dich kümmern. Und du darfst Licht in deine dunkle Jahreszeit holen.
von Sylvia Kosek 4. Dezember 2025
Wenn eine nahestehende Person eine psychische Erkrankung bekommt, verändert sich damit nicht nur das Leben dieser Person selbst – sondern auch das der Angehörigen. In diesem Artikel beleuchte ich die wichtige Rolle von Angehörigen, die verschiedenen Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen, und wie Unterstützung aussehen kann. Dabei verweise ich gezielt auf die Angebote des Vereins HPE Österreich (www.hpe.at), der sich seit Jahrzehnten genau dieser Zielgruppe widmet. 1. Warum Angehörige so bedeutsam sind Angehörige – das sind nicht nur Eltern oder Lebenspartnerinnen, sondern auch Geschwister, erwachsene Kinder, Freundinnen oder andere enge Bezugspersonen einer psychisch erkrankten Person. Diese Menschen übernehmen häufig eine Schlüsselrolle, weil: • Sie den Alltag der erkrankten Person kennen und teilweise unterstützen (z. B. bei Medikamenteneinnahme, Arztbesuchen, Stabilisierung des Alltags) • Sie oft Brücke sind zwischen therapeutischer/medizinischer Behandlung und Alltag – da viele Situationen außerhalb einer Therapie stattfinden • Sie eine wichtige Ressource für die Genesung sind: Ein stabiles Umfeld, Verständnis, Rückhalt können sich positiv auf den Verlauf einer Erkrankung auswirken. Damit ist klar: Angehörige sind nicht nur „Nebenschauplatz“, sondern zentraler Bestandteil des psychosozialen Netzes. 2. Die typischen Herausforderungen Auch wenn jede Situation anders ist – es zeichnen sich einige Muster ab, mit denen Angehörige häufig konfrontiert werden: Emotionale und psychische Belastung • Angehörige erleben häufig Gefühle wie Angst, Ohnmacht, Schuld, Wut oder Scham. • Der Alltag kann geprägt sein von Unsicherheit: Was kommt als Nächstes? Wie geht es weiter? Wie stabil ist die erkrankte Person? • Es besteht die Gefahr, dass Angehörige ihre eigenen Bedürfnisse, Grenzen oder Ressourcen vergessen – damit steigt das Risiko für eigene Überforderung oder auch psychische Belastung. Rollenwechsel und Ambivalenz • Manchmal müssen Angehörige mehr Verantwortung übernehmen – etwa bei Alltagsorganisation, medizinischer Unterstützung oder als Ansprechpartner für Krisen. • Gleichzeitig wünschen sie sich oft, einfach „Familie/Freundin“ zu sein – nicht nur „Betreuerin“ oder „Pflegeperson“. • Dieser Rollenwechsel kann ambivalent wirken: Liebe und Verantwortung, Nähe und Distanz, Hilfe und Loslassen müssen neu verhandelt werden. Informationsdefizit und Unsicherheit • Häufig fehlt Wissen über die Erkrankung, über Behandlungsmöglichkeiten, über den Alltag mit der Erkrankung. Zentrale Themen sind Erkennen und Verstehen psychischer Erkrankungen, Möglichkeiten und Grenzen der Unterstützung durch Angehörige. • Wenn Angehörige nicht wissen, wie sie handeln sollen – etwa bei einer Krise – steigt der Stress. Grenzüberschreitungen und Selbstvernachlässigung • Viele Angehörige geraten in den Modus: „Ich halte durch“, „Ich muss funktionieren“. • Dadurch können eigene Grenzen übersehen werden – körperlich, psychisch oder sozial. • Es besteht das Risiko, dass Angehörige ihre eigenen Bedürfnisse hintanstellen und damit langfristig selbst in eine Krise geraten. Stigmatisierung und Isolation • Psychische Erkrankungen sind in unserer Gesellschaft noch immer mit Scham, Missverständnissen oder Vorurteilen behaftet. Angehörige spüren das mit: „Warum passiert das uns?“, „Was denken die anderen?“ • Oft fehlt der Austausch mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben – das erschwert das Gefühl „ich bin nicht alleine“. Angehörige brauchen Information und Austausch. 3. Was Angehörige konkret leisten – und wo die Grenzen liegen Was Angehörige leisten können • Sie bieten emotionale Nähe, Verlässlichkeit und alltägliche Unterstützung – dies kann die Stabilität der erkrankten Person fördern. • Sie können wichtige Beobachtungen machen: Veränderungen im Verhalten oder Befinden, Frühzeichen einer Verschlechterung. Diese können gemeinsam mit Therapeutinnen / Ärztinnen aufgegriffen werden. • Sie leisten oftmals einen Teil der sozialen Infrastruktur: Betreuung, Begleitung, Motivation zur Behandlung. • Nicht zuletzt tragen sie durch ihre Rolle dazu bei, dass die psychische Erkrankung nicht isoliert bleibt, sondern eingebettet ist in ein soziales Geflecht. Wo die Grenzen sind • Angehörige sind nicht Therapeuten oder Fachpersonen: Klinische Diagnosen, Therapieplanung oder Kriseninterventionen gehören in professionelle Hände. • Es ist nicht die Aufgabe der Angehörigen, die Erkrankung „zu erledigen“ oder ständig stabil zu halten. Damit entsteht eine immense Erwartungsbelastung. • Der Anspruch, perfekt zu handeln oder immer stark zu sein, kann zur Quelle weiterer Belastung werden. Wichtig ist: Auch Angehörige brauchen Hilfe, Ressourcen, Entlastung. 4. Unterstützung für Angehörige Hier lohnt sich ein Blick auf das Angebot von HPE (hpe.at), da diese Organisation österreichweit Angehörige psychisch erkrankter Menschen begleitet. Leistungen der HPE • Beratung (telefonisch, persönlich, schriftlich / Mailberatung) für Angehörige von Menschen mit psychischer Erkrankung. • Selbsthilfegruppen und Seminare: Austausch mit Menschen in ähnlicher Situation, Stärkung der eigenen Rolle und Ressourcen. • Informationsvermittlung: Materialien (Broschüren, Zeitschrift „KONTAKT“), Themenabende zu Diagnosen, Unterstützungsnetzen, rechtlichen Fragen. • Interessenvertretung: HPE engagiert sich gesellschaftlich und politisch, um die Sichtbarkeit von Angehörigen zu erhöhen und Bedingungen zu verbessern Warum das wichtig ist • Beratung und Selbsthilfe bieten Entlastung und vernetzen Angehörige – das wirkt vorbeugend gegen Isolation und Überforderung. • Information schafft Sicherheit: Wenn ich weiß, worum es geht, kann ich besser handeln – auch in der Rolle als Angehörige*r. • Interessenvertretung trägt dazu bei, dass Angehörige in Versorgungssystemen wahrgenommen werden – z. B. als eigenständige Zielgruppe. Was Angehörige selbst tun können • Nehmen Sie Ihre eigene Rolle und Gefühle ernst – es ist nicht egoistisch, die eigenen Grenzen wahrzunehmen. • Suchen Sie frühzeitig Unterstützung – Austausch mit anderen Angehörigen kann sehr entlastend sein. • Bilden Sie sich über die Erkrankung und über Hilfsangebote – Wissen ist Macht und kann Unsicherheiten reduzieren. • Setzen Sie sich realistische Erwartungen – sowohl Ihnen selbst als auch der erkrankten Person gegenüber. • Pflegen Sie Ihre eigenen Ressourcen – Auszeiten, Hobbys, Kontakte, Therapie oder Beratung auch für sich selbst sind kein Luxus, sondern langfristig Schutz. 5. Fazit Angehörige psychisch erkrankter Menschen übernehmen eine wichtige Rolle: Sie sind oft das Rückgrat im Alltag, die Verbindung zwischen Therapie und Leben, die emotionale Stütze. Gleichzeitig stehen sie vor großen Herausforderungen – emotional, sozial, informatorisch. Die Balance zwischen Helfen und sich selbst schützen ist kaum einfach, aber möglich. Organisationen wie HPE Österreich (www.hpe.at) bieten dafür einen wertvollen Rahmen: Sie nehmen Angehörige in den Blick, entlasten, informieren und vernetzen. Angehörige dürfen und müssen nicht allein bleiben – und sie sind nicht allein. Der Weg führt über Anerkennung der eigenen Lage, über Selbstfürsorge und über den Mut zur Unterstützung. Und selbstverständlich kann es auch für Angehörige sinnvoll sein, sich selbst psychotherapeutische Unterstützung zu holen, um mit den Herausforderungen fertig zu werden!
von Sylvia Kosek 28. November 2025
In unserer leistungsorientierten Gesellschaft gilt Erfolg oft als Maßstab für Selbstwert. Viele Männer definieren sich über Arbeit, Zielstrebigkeit und Kontrolle. Doch was passiert, wenn der innere Druck zu groß wird – und aus Anspannung Angst wird? Immer mehr Männer leiden unter Angststörungen, die sich hinter Perfektionismus, Überforderung oder Erschöpfung verbergen. Angst ist ein natürliches Gefühl – aber wenn sie den Alltag bestimmt, ständig präsent ist oder körperliche Symptome verursacht, wird sie zur Belastung. ⚙️ Warum Männer anders mit Angst umgehen Männer sprechen selten über Angst. Schon früh lernen viele: „Reiß dich zusammen“, „Hab keine Angst“, „Bleib stark“. Dieses Rollenbild führt dazu, dass Angst nicht als Emotion, sondern als Schwäche wahrgenommen wird – und deshalb verdrängt wird. Doch Angst verschwindet nicht, wenn man sie ignoriert. Sie zeigt sich dann auf andere Weise: als Reizbarkeit, als ständige Unruhe, als übermäßige Kontrolle, oder als körperliche Beschwerden wie Herzrasen, Schlafstörungen oder Verspannungen. Viele Männer funktionieren nach außen perfekt – und fühlen sich innerlich leer, angespannt oder kurz vor dem Zusammenbruch. 💡 Typische Anzeichen von Angst und Leistungsdruck Angststörungen zeigen sich bei Männern oft subtil – besonders, wenn sie mit hohem Leistungsanspruch verbunden sind. Häufige Symptome sind: ständige Sorgen um Leistung, Job oder finanzielle Sicherheit übermäßiger Perfektionismus, Angst vor Fehlern innere Getriebenheit, Unruhe oder Erschöpfung Grübeln, Kontrollverhalten, Entscheidungsschwierigkeiten Schlafprobleme, Konzentrationsstörungen körperliche Symptome ohne organische Ursache (z. B. Herzrasen, Schwindel, Magenprobleme) Rückzug oder Reizbarkeit Viele Betroffene beschreiben es so: „Ich bin ständig angespannt – aber ich weiß gar nicht mehr, warum.“ 🔄 Der Kreislauf aus Angst und Leistung Angst und Leistungsdruck verstärken sich gegenseitig: Wer Angst hat zu versagen, strengt sich mehr an. Je mehr man sich anstrengt, desto höher werden die Erwartungen – und desto größer die Angst, nicht mehr zu genügen. Dieser Teufelskreis führt oft zu Erschöpfung, Schlafmangel oder sogar Panikattacken. Nach außen wirkt der Betroffene erfolgreich, doch innerlich herrscht Dauerstress. 💬 Wie Psychotherapie helfen kann In der Psychotherapie geht es nicht darum, Angst „abzuschalten“ – sondern sie zu verstehen. Angst ist ein Warnsignal des Körpers, das auf Überforderung hinweist. Therapeutische Unterstützung hilft eigene Stressmuster zu erkennen, unrealistische Ansprüche loszulassen, den Körper als Frühwarnsystem zu verstehen, und gesunde Formen der Selbstfürsorge zu entwickeln. Viele Männer erleben in der Therapie zum ersten Mal, dass Verletzlichkeit kein Scheitern, sondern ein Weg zu mehr Authentizität und Stabilität ist. ❤️ Fazit: Mut heißt, Angst anzuschauen Leistungsdruck gehört zum modernen Leben – aber er darf nicht zur inneren Gefängniszelle werden. Wer den Mut hat, über seine Ängste zu sprechen, gewinnt nicht Schwäche, sondern Freiheit. Psychotherapie kann helfen, die Angst zu verstehen – und wieder mehr Leichtigkeit ins Leben zu bringen.
von Sylvia Kosek 26. November 2025
Jedes Jahr zwischen dem 25. November und dem 10. Dezember finden die „16 Tage gegen Gewalt“ statt – eine internationale Kampagne, die auf Gewalt gegen Frauen und Mädchen aufmerksam machen soll. Doch die Aktionstage erinnern uns auch daran, dass Gewalt in all ihren Formen viele Menschen betrifft: körperlich, psychisch, sexualisiert, digital oder strukturell. Gewalt hinterlässt Spuren – oft tief im Inneren. Psychotherapie kann Betroffenen helfen, diese Erfahrungen zu verarbeiten. Doch auch für Angehörige und alle, die sich informieren möchten, lohnt ein Blick auf das, was Gewalt mit Menschen macht und wie Heilung aussehen kann. Was bedeutet Gewalt eigentlich? Viele denken bei Gewalt zuerst an körperliche Übergriffe. Doch Gewalt hat viele Facetten. Dazu gehören: • Psychische Gewalt: Beschämung, Abwertung, Drohungen, Isolation • Sexualisierte Gewalt: Übergriffe, Nötigung, Grenzverletzungen • Ökonomische oder digitale Gewalt: Kontrolle von Geld, Handy, Kommunikation • Strukturelle Gewalt: Ungleiche Chancen, Abhängigkeiten, systematische Benachteiligung Oft kommen mehrere Formen gleichzeitig vor – und oft sind sie unsichtbar. Viele Betroffene fragen sich: „War das schon Gewalt?“ Oder: „Vielleicht war es gar nicht so schlimm.“ Doch Gewalt beginnt immer dort, wo Grenzen verletzt werden. Wie wirkt Gewalt auf die Psyche? Gewalt erschüttert das Vertrauen in andere – und oft auch in sich selbst. Zu den Folgen können gehören: • Angst und Unsicherheit • Schlafstörungen oder Albträume • Übererregung oder Schreckhaftigkeit • Scham- und Schuldgefühle • Schwierigkeiten, anderen zu vertrauen • Selbstwertprobleme • Depressionen • Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) Viele Betroffene erleben zudem ein Gefühl von „Gefangensein“ – manchmal sogar noch lange nach dem Ende der gewaltvollen Beziehung. Wie kann Psychotherapie helfen? Psychotherapie setzt dort an, wo Gewalt Menschen verletzt hat – seelisch, emotional und im Selbstbild. Je nach Bedarf kann sie: 1. Sicherheit wiederherstellen Ein erster Schritt besteht darin, Stabilität aufzubauen. Betroffene lernen, innere und äußere Ressourcen zu nutzen und wieder Kontrolle über ihr Leben zu gewinnen. 2. Erlebtes verstehen und verarbeiten In einem geschützten Rahmen können traumatische Erfahrungen sortiert, benannt und in das eigene Leben eingeordnet werden. 3. Selbstwert stärken Gewalt vermittelt oft das Gefühl, „nicht gut genug“ oder „schuld“ zu sein. Therapie hilft, ein realistisches, stärkendes Selbstbild zu entwickeln. 4. Beziehungen neu gestalten Viele Betroffene haben nach gewaltvollen Erfahrungen Schwierigkeiten, Nähe zuzulassen oder Grenzen zu setzen. In der Therapie können neue Beziehungsmuster entstehen. Was können Angehörige tun? Viele Menschen wissen nicht, wie sie reagieren sollen, wenn ihnen jemand von Gewalt erzählt. Dabei helfen oft schon kleine Schritte: • Zuhören – ohne zu urteilen • Betroffene ernst nehmen • Nicht drängen, sondern unterstützen („Ich bin für dich da, egal wann du bereit bist“) • Informationen über Hilfsangebote weitergeben • Eigene Grenzen wahren Niemand muss allein durch diese Situationen gehen – und auch Angehörige dürfen sich Unterstützung holen. Warum die 16 Tage gegen Gewalt wichtig sind Die Kampagne schafft Sichtbarkeit: für Betroffene, für Hilfsmöglichkeiten, für gesellschaftliche Verantwortung. Gewalt passiert nicht „woanders“ – sie passiert überall. Und sie betrifft uns alle. Die 16 Tage erinnern uns daran, dass Schweigen Gewalt verstärkt – und dass Aufklärung, Sensibilisierung und ein offener Umgang die wichtigsten Schritte sind, um Gewalt zu beenden. Wo Betroffene Unterstützung finden • Ärztinnen und Psychotherapeutinnen • Beratungsstellen für Gewaltbetroffene • Frauenhäuser und Zufluchtswohnungen • Hilfetelefone und Onlineberatungen • Trauma- und Krisendienste Hilfe zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Schritt in Richtung Sicherheit und Selbstbestimmung. Fazit Die „16 Tage gegen Gewalt“ sind ein Aufruf hinzuschauen – in Familien, Partnerschaften, Schulen, Online-Räumen und in uns selbst. Psychotherapie kann Menschen auf ihrem Weg aus der Gewalt begleiten, ihnen Stabilität schenken und neue Perspektiven eröffnen. Jede Unterstützung zählt. Jede Stimme zählt. Jede Geschichte zählt. Und jeder Mensch verdient ein Leben ohne Angst.
von Sylvia Kosek 21. November 2025
Viele Menschen greifen in stressigen Zeiten zu einem Glas Wein, einem Feierabendbier oder scrollen sich durch Stunden am Smartphone. Doch was passiert, wenn dieses Verhalten nicht mehr der Entspannung dient, sondern zur Gewohnheit wird – oder zur einzigen Möglichkeit, abzuschalten? Besonders Männer neigen dazu, Belastung mit „funktionalen“ Strategien zu begegnen: arbeiten, leisten, durchhalten. Gefühle wie Angst, Scham oder Überforderung werden selten offen gezeigt. Stattdessen suchen viele unbewusst nach Wegen, sich selbst zu beruhigen – mit Alkohol, Arbeit, Sport, Gaming oder anderen Formen der Ablenkung. Dieses Phänomen nennt man Selbstmedikation. 🧠 Was bedeutet Selbstmedikation in der Psychologie? Im psychischen Kontext meint Selbstmedikation, dass Menschen Substanzen oder Verhaltensweisen nutzen, um emotionale Zustände zu regulieren, ohne professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das kann kurzfristig entlasten – langfristig jedoch zu Abhängigkeit, Isolation oder gesundheitlichen Problemen führen. Typische Beispiele: Alkohol zum Einschlafen oder Entspannen Arbeit oder Sport als Flucht vor innerer Leere exzessives Gaming oder Streaming zur Ablenkung Medikamente, Schmerzmittel oder Cannabis zur „Beruhigung“ Das zentrale Problem: Die Ursache bleibt bestehen. Die eigentliche seelische Belastung wird betäubt, nicht bearbeitet. ⚡ Warum Männer besonders gefährdet sind Gesellschaftliche Rollenbilder spielen eine große Rolle: Männer sollen stark, unabhängig und kontrolliert wirken. Emotionale Verletzlichkeit wird oft als Schwäche empfunden – besonders in beruflichen oder sozialen Kontexten. Viele Männer sagen deshalb Dinge wie: „Ich brauche keine Hilfe, das kriege ich allein hin.“ „Es ist doch nur ein Bier am Abend.“ Doch hinter dieser Haltung steckt oft ein stiller Hilferuf. Studien zeigen, dass Männer seltener therapeutische Unterstützung suchen – aber häufiger Suchtverhalten entwickeln. Alkohol, Arbeit oder Sport dienen als Ventil für unausgesprochene Gefühle wie Angst, Stress oder Einsamkeit. 🚨 Warnsignale für Sucht oder Selbstmedikation Selbstmedikation entwickelt sich schleichend. Diese Anzeichen können auf ein riskantes Muster hinweisen: Häufiges Bedürfnis nach Alkohol, um zu entspannen oder „runterzukommen“ Schuldgefühle oder Rechtfertigungen nach dem Konsum Gereiztheit oder Unruhe, wenn das gewohnte Verhalten ausbleibt Verlust von Interesse an anderen Aktivitäten Rückzug von Freunden oder Familie Leistungsabfall, Stimmungsschwankungen, Schlafprobleme Wer solche Signale bei sich oder anderen erkennt, sollte sie ernst nehmen – und nicht als „Phase“ abtun. 💬 Wie Psychotherapie helfen kann In der Therapie geht es nicht nur darum, den Konsum zu reduzieren, sondern die ursprünglichen emotionalen Ursachen zu verstehen: Was versuche ich zu betäuben? Wovor fliehe ich? Psychotherapeutische Unterstützung kann helfen: emotionale Belastungen zu erkennen und anzusprechen gesunde Bewältigungsstrategien zu entwickeln den Zusammenhang zwischen Stress, Emotionen und Verhalten zu verstehen Selbstmitgefühl und Selbstregulation zu stärken Oft erleben Klient*innen in der Therapie erstmals, dass es kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke ist, sich Hilfe zu holen. 💡 Wege aus dem Kreislauf 1. Ehrliche Selbstbeobachtung: Wann greife ich zu Alkohol, Arbeit oder Ablenkung – und warum? 2. Gespräch suchen: Mit einer vertrauten Person oder Therapeut*in über Belastungen sprechen. 3. Stress anders regulieren: Bewegung, Entspannung, Kreativität oder soziale Kontakte statt Substanzen. 4. Professionelle Hilfe annehmen: Frühzeitige Unterstützung verhindert, dass Suchtmuster chronisch werden. ❤️ Fazit: Sich selbst verstehen statt betäuben Sucht und Selbstmedikation sind kein Zeichen mangelnder Willenskraft – sondern ein Versuch, mit innerem Schmerz umzugehen. Wer den Mut hat, hinzusehen und Unterstützung anzunehmen, kann lernen, gesünder mit Belastung umzugehen – und langfristig mehr Ruhe, Klarheit und Selbstvertrauen finden.
von Sylvia Kosek 14. November 2025
Aggression und Ärger sind Gefühle, über die Männer selten offen sprechen – und doch begleiten sie viele im Alltag. Ob im Straßenverkehr, im Beruf oder zu Hause: Der innere Druck, sich „zusammenzureißen“, funktioniert oft nur so lange, bis das Fass überläuft. Doch Wut ist kein schlechtes Gefühl. Sie ist ein Signal. Ein Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt – in uns, in unseren Grenzen oder in unserer Umgebung. Problematisch wird es erst, wenn Wut unterdrückt oder unkontrolliert entladen wird. 💥 Warum Männer mit Ärger oft anders umgehen Viele Männer haben gelernt: „Reiß dich zusammen“, „Sei stark“, „Zeig keine Schwäche“. Gefühle wie Trauer, Angst oder Hilflosigkeit wurden schon früh verdrängt – oft unbewusst. Was bleibt, ist Wut. Denn sie fühlt sich „erlaubter“ an als Verletzlichkeit. 👉 Das Ergebnis: Wut wird zum einzigen Ausdruck von Stress, Überforderung oder Enttäuschung. Manche richten sie nach außen (Streit, Aggression), andere nach innen (Selbstkritik, Rückzug, psychosomatische Beschwerden). ⚡ Wenn Ärger zur Belastung wird Wut an sich ist nicht destruktiv – sie zeigt, dass ein Bedürfnis oder eine Grenze verletzt wurde. Aber: Wenn sie zu stark, zu häufig oder unkontrolliert auftritt, kann sie Beziehungen, Gesundheit und Selbstwert belasten. Typische Anzeichen einer gestörten Emotionsregulation: häufige Gereiztheit oder innere Unruhe plötzliche Wutausbrüche, oft wegen Kleinigkeiten körperliche Anspannung (Herzrasen, Druckgefühl, Muskelverspannungen) Schuldgefühle oder Scham nach aggressivem Verhalten Rückzug aus Angst, wieder „auszurasten“ Gefühl, unter ständiger Spannung zu stehen 🧩 Wut verstehen – statt sie zu verurteilen Aggression ist keine „böse Emotion“. Sie will schützen, abgrenzen und auf Ungerechtigkeit hinweisen. In der Psychotherapie geht es darum, die Sprache der Wut zu entschlüsseln: Was will sie mir sagen? Welche Gefühle liegen darunter? Welche Bedürfnisse sind unerfüllt? Wenn Wut verstanden und reguliert wird, kann sie zu einer Kraftquelle werden – für Klarheit, Selbstbehauptung und gesunde Grenzen. 💬 Wie Psychotherapie helfen kann Psychotherapeutische Begleitung unterstützt dabei, Wut und Ärger konstruktiv zu nutzen, statt sie zu bekämpfen. In der Therapie lernen Betroffene: eigene Auslöser und Muster zu erkennen Emotionen frühzeitig wahrzunehmen zwischen Reaktion und Handlung zu unterscheiden Spannungen durch Achtsamkeit, Bewegung oder Kommunikation abzubauen gesunde Formen des Ausdrucks (z. B. durch Sprache oder Kreativität) zu finden Ziel ist nicht, Wut „wegzumachen“, sondern sie bewusst und sicher zu steuern. ❤️ Fazit: Wut ist kein Gegner, sondern ein Wegweiser Wut ist ein Teil von uns. Wenn wir lernen, sie zu verstehen, verlieren wir nicht die Kontrolle – wir gewinnen sie zurück. Psychotherapie kann helfen, die eigene emotionale Landkarte neu zu zeichnen – mit mehr Selbstkenntnis, innerer Ruhe und authentischer Stärke.
von Sylvia Kosek 7. November 2025
Warum Männer oft schweigen, wenn es um seelische Belastung geht – und wie der Movember hilft, das Tabu zu brechen.