Die Rolle und die Herausforderungen von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen
Sylvia Kosek • 4. Dezember 2025
Angehörige tragen mit – und oft zu viel. Über Verantwortung, Grenzen und die Kraft des Miteinanders.
Wenn eine nahestehende Person eine psychische Erkrankung bekommt, verändert sich damit nicht nur das Leben dieser Person selbst – sondern auch das der Angehörigen. In diesem Artikel beleuchte ich die wichtige Rolle von Angehörigen, die verschiedenen Herausforderungen, denen sie gegenüberstehen, und wie Unterstützung aussehen kann. Dabei verweise ich gezielt auf die Angebote des Vereins HPE Österreich (www.hpe.at), der sich seit Jahrzehnten genau dieser Zielgruppe widmet.
1. Warum Angehörige so bedeutsam sind
Angehörige – das sind nicht nur Eltern oder Lebenspartnerinnen, sondern auch Geschwister, erwachsene Kinder, Freundinnen oder andere enge Bezugspersonen einer psychisch erkrankten Person.
Diese Menschen übernehmen häufig eine Schlüsselrolle, weil:
• Sie den Alltag der erkrankten Person kennen und teilweise unterstützen (z. B. bei Medikamenteneinnahme, Arztbesuchen, Stabilisierung des Alltags)
• Sie oft Brücke sind zwischen therapeutischer/medizinischer Behandlung und Alltag – da viele Situationen außerhalb einer Therapie stattfinden
• Sie eine wichtige Ressource für die Genesung sind: Ein stabiles Umfeld, Verständnis, Rückhalt können sich positiv auf den Verlauf einer Erkrankung auswirken.
Damit ist klar: Angehörige sind nicht nur „Nebenschauplatz“, sondern zentraler Bestandteil des psychosozialen Netzes.
2. Die typischen Herausforderungen
Auch wenn jede Situation anders ist – es zeichnen sich einige Muster ab, mit denen Angehörige häufig konfrontiert werden:
Emotionale und psychische Belastung
• Angehörige erleben häufig Gefühle wie Angst, Ohnmacht, Schuld, Wut oder Scham.
• Der Alltag kann geprägt sein von Unsicherheit: Was kommt als Nächstes? Wie geht es weiter? Wie stabil ist die erkrankte Person?
• Es besteht die Gefahr, dass Angehörige ihre eigenen Bedürfnisse, Grenzen oder Ressourcen vergessen – damit steigt das Risiko für eigene Überforderung oder auch psychische Belastung.
Rollenwechsel und Ambivalenz
• Manchmal müssen Angehörige mehr Verantwortung übernehmen – etwa bei Alltagsorganisation, medizinischer Unterstützung oder als Ansprechpartner für Krisen.
• Gleichzeitig wünschen sie sich oft, einfach „Familie/Freundin“ zu sein – nicht nur „Betreuerin“ oder „Pflegeperson“.
• Dieser Rollenwechsel kann ambivalent wirken: Liebe und Verantwortung, Nähe und Distanz, Hilfe und Loslassen müssen neu verhandelt werden.
Informationsdefizit und Unsicherheit
• Häufig fehlt Wissen über die Erkrankung, über Behandlungsmöglichkeiten, über den Alltag mit der Erkrankung. Zentrale Themen sind Erkennen und Verstehen psychischer Erkrankungen, Möglichkeiten und Grenzen der Unterstützung durch Angehörige.
• Wenn Angehörige nicht wissen, wie sie handeln sollen – etwa bei einer Krise – steigt der Stress.
Grenzüberschreitungen und Selbstvernachlässigung
• Viele Angehörige geraten in den Modus: „Ich halte durch“, „Ich muss funktionieren“.
• Dadurch können eigene Grenzen übersehen werden – körperlich, psychisch oder sozial.
• Es besteht das Risiko, dass Angehörige ihre eigenen Bedürfnisse hintanstellen und damit langfristig selbst in eine Krise geraten.
Stigmatisierung und Isolation
• Psychische Erkrankungen sind in unserer Gesellschaft noch immer mit Scham, Missverständnissen oder Vorurteilen behaftet. Angehörige spüren das mit: „Warum passiert das uns?“, „Was denken die anderen?“
• Oft fehlt der Austausch mit Menschen, die Ähnliches erlebt haben – das erschwert das Gefühl „ich bin nicht alleine“. Angehörige brauchen Information und Austausch.
3. Was Angehörige konkret leisten – und wo die Grenzen liegen
Was Angehörige leisten können
• Sie bieten emotionale Nähe, Verlässlichkeit und alltägliche Unterstützung – dies kann die Stabilität der erkrankten Person fördern.
• Sie können wichtige Beobachtungen machen: Veränderungen im Verhalten oder Befinden, Frühzeichen einer Verschlechterung. Diese können gemeinsam mit Therapeutinnen / Ärztinnen aufgegriffen werden.
• Sie leisten oftmals einen Teil der sozialen Infrastruktur: Betreuung, Begleitung, Motivation zur Behandlung.
• Nicht zuletzt tragen sie durch ihre Rolle dazu bei, dass die psychische Erkrankung nicht isoliert bleibt, sondern eingebettet ist in ein soziales Geflecht.
Wo die Grenzen sind
• Angehörige sind nicht Therapeuten oder Fachpersonen: Klinische Diagnosen, Therapieplanung oder Kriseninterventionen gehören in professionelle Hände.
• Es ist nicht die Aufgabe der Angehörigen, die Erkrankung „zu erledigen“ oder ständig stabil zu halten. Damit entsteht eine immense Erwartungsbelastung.
• Der Anspruch, perfekt zu handeln oder immer stark zu sein, kann zur Quelle weiterer Belastung werden. Wichtig ist: Auch Angehörige brauchen Hilfe, Ressourcen, Entlastung.
4. Unterstützung für Angehörige
Hier lohnt sich ein Blick auf das Angebot von HPE (hpe.at), da diese Organisation österreichweit Angehörige psychisch erkrankter Menschen begleitet.
Leistungen der HPE
• Beratung (telefonisch, persönlich, schriftlich / Mailberatung) für Angehörige von Menschen mit psychischer Erkrankung.
• Selbsthilfegruppen und Seminare: Austausch mit Menschen in ähnlicher Situation, Stärkung der eigenen Rolle und Ressourcen.
• Informationsvermittlung: Materialien (Broschüren, Zeitschrift „KONTAKT“), Themenabende zu Diagnosen, Unterstützungsnetzen, rechtlichen Fragen.
• Interessenvertretung: HPE engagiert sich gesellschaftlich und politisch, um die Sichtbarkeit von Angehörigen zu erhöhen und Bedingungen zu verbessern
Warum das wichtig ist
• Beratung und Selbsthilfe bieten Entlastung und vernetzen Angehörige – das wirkt vorbeugend gegen Isolation und Überforderung.
• Information schafft Sicherheit: Wenn ich weiß, worum es geht, kann ich besser handeln – auch in der Rolle als Angehörige*r.
• Interessenvertretung trägt dazu bei, dass Angehörige in Versorgungssystemen wahrgenommen werden – z. B. als eigenständige Zielgruppe.
Was Angehörige selbst tun können
• Nehmen Sie Ihre eigene Rolle und Gefühle ernst – es ist nicht egoistisch, die eigenen Grenzen wahrzunehmen.
• Suchen Sie frühzeitig Unterstützung – Austausch mit anderen Angehörigen kann sehr entlastend sein.
• Bilden Sie sich über die Erkrankung und über Hilfsangebote – Wissen ist Macht und kann Unsicherheiten reduzieren.
• Setzen Sie sich realistische Erwartungen – sowohl Ihnen selbst als auch der erkrankten Person gegenüber.
• Pflegen Sie Ihre eigenen Ressourcen – Auszeiten, Hobbys, Kontakte, Therapie oder Beratung auch für sich selbst sind kein Luxus, sondern langfristig Schutz.
5. Fazit
Angehörige psychisch erkrankter Menschen übernehmen eine wichtige Rolle: Sie sind oft das Rückgrat im Alltag, die Verbindung zwischen Therapie und Leben, die emotionale Stütze. Gleichzeitig stehen sie vor großen Herausforderungen – emotional, sozial, informatorisch. Die Balance zwischen Helfen und sich selbst schützen ist kaum einfach, aber möglich.
Organisationen wie HPE Österreich (www.hpe.at) bieten dafür einen wertvollen Rahmen: Sie nehmen Angehörige in den Blick, entlasten, informieren und vernetzen. Angehörige dürfen und müssen nicht allein bleiben – und sie sind nicht allein. Der Weg führt über Anerkennung der eigenen Lage, über Selbstfürsorge und über den Mut zur Unterstützung.
Und selbstverständlich kann es auch für Angehörige sinnvoll sein, sich selbst psychotherapeutische Unterstützung zu holen, um mit den Herausforderungen fertig zu werden!







