Einsamkeit: Warum Verbundenheit so wichtig ist
Einsamkeit ist mehr als Alleinsein – warum Verbundenheit eine gemeinsame Aufgabe ist
Der September steht im Zeichen des Yellow September. Am 10. September findet jedes Jahr der Welttag der Suizidprävention statt, am 10. Oktober folgt der Welttag der psychischen Gesundheit. Dazwischen lenkt der Yellow September den Blick auf psychische Gesundheit, Suizidprävention und auf die Frage, was Menschen Halt und Verbundenheit gibt.
2026 steht dabei die Einsamkeit im Mittelpunkt.
Das Thema begegnet uns inzwischen häufig. Wie verbreitet Einsamkeit tatsächlich ist und welche Bevölkerungsgruppen besonders betroffen sind, zeigt der aktuelle Bericht „Einsamkeit in Österreich“. Trotzdem ist Einsamkeit noch immer etwas, worüber viele Menschen nur ungern sprechen. Vielleicht auch deshalb, weil wir ein ziemlich eindeutiges Bild davon im Kopf haben, wie ein einsamer Mensch aussieht: jemand, der alleine lebt, kaum Kontakte hat und sich aus dem sozialen Leben zurückzieht.
Dieses Bild stimmt nur teilweise.
Einsam kann man auch mitten unter Menschen sein
Wer alleine lebt, muss sich keineswegs einsam fühlen. Manche Menschen genießen es, viel Zeit für sich zu haben und ihren Alltag selbst zu gestalten. Andere haben ein großes soziales Umfeld und fühlen sich trotzdem niemandem wirklich nahe.
Entscheidend ist deshalb nicht die Anzahl der Kontakte. Entscheidend ist, wie wir diese Beziehungen erleben. Es macht einen Unterschied, ob ich viele Menschen kenne oder ob es jemanden gibt, den ich anrufen kann, wenn etwas passiert. Ob ich bei einem Treffen dabei bin oder tatsächlich das Gefühl habe, dazuzugehören. Ob ich über meinen Alltag erzählen kann oder auch über Dinge, die mich beschäftigen und vielleicht verletzlich machen. Gerade diese Form der Einsamkeit bleibt häufig unsichtbar.
Vor kurzem habe ich hier über die „stille Einsamkeit der Leistungsstarken“ geschrieben. Menschen, die viel Verantwortung übernehmen, verlässlich sind und nach außen gut funktionieren, bekommen nicht unbedingt die Frage gestellt, wie es ihnen wirklich geht. Ihr Umfeld geht davon aus, dass sie zurechtkommen. Das ist eine besondere Form von Einsamkeit. Sie zeigt aber auch etwas Grundsätzlicheres: Einsamkeit lässt sich von außen nicht zuverlässig erkennen.
Warum Einsamkeit heute leichter entstehen kann
Unser Leben bietet unzählige Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu bleiben. Wir schreiben Nachrichten, telefonieren, schicken Fotos und wissen oft ziemlich genau, was andere gerade machen.
Gleichzeitig haben sich viele Gelegenheiten für beiläufige Begegnungen verändert. Familien wohnen häufig nicht mehr am selben Ort. Arbeitsplätze wechseln, Menschen ziehen für Ausbildung oder Beruf in andere Städte. Nachbarschaften sind anonymer geworden. Freundschaften müssen sich ihren Platz zwischen Beruf, Familie und anderen Verpflichtungen suchen.
Auch der Alltag selbst ist voller geworden. Termine werden geplant, Freizeit wird organisiert und selbst spontane Treffen brauchen manchmal einen Blick in den Kalender.
Das alles ist nicht automatisch schlecht. Vieles davon macht unser Leben einfacher. Digitale Kontakte können eine große Hilfe sein, wenn Menschen weit voneinander entfernt leben. Trotzdem bleibt ein Unterschied zwischen einer Nachricht und einem längeren Gespräch, zwischen einem Like und einem gemeinsamen Nachmittag, zwischen dem Wissen, was jemand gerade macht, und dem tatsächlichen Erleben von Nähe.
Verbundenheit braucht Zeit. Und sie entsteht häufig dort, wo Menschen regelmäßig miteinander zu tun haben, ohne dass dafür jedes Mal ein besonderer Anlass notwendig ist.
Besonders spürbar wird Einsamkeit in Zeiten der Veränderung
Es gibt Lebensphasen, in denen sich unser soziales Umfeld fast unmerklich verändert. Nach einer Trennung fehlen plötzlich gemeinsame Freunde oder vertraute Abläufe. Ein Umzug bedeutet, dass Menschen, die bisher selbstverständlich zum Alltag gehört haben, nicht mehr um die Ecke wohnen. Mit dem Eintritt in die Pension verschwinden die täglichen Kontakte am Arbeitsplatz. Wenn Kinder ausziehen, verändert sich nicht nur das Familienleben, sondern oft auch die eigene Rolle.
In solchen Situationen kann Einsamkeit entstehen, obwohl vorher jahrelang alles gut funktioniert hat.
Manchmal fehlt dabei gar nicht ein bestimmter Mensch. Es fehlt das vertraute Gefühl, irgendwo selbstverständlich dazuzugehören.
Gerade deshalb können Veränderungen auch Fragen nach der eigenen Identität aufwerfen: Wer bin ich, wenn eine wichtige Rolle in meinem Leben wegfällt? Wo ist mein Platz? Mit wem teile ich meinen Alltag?
Auch mit diesen Fragen habe ich mich bereits in meinem Beitrag „Wer bin ich eigentlich – wenn sich mein Leben ständig verändert?“ beschäftigt.
Einsamkeit ist keine Frage des Alters
Lange wurde Einsamkeit vor allem mit älteren Menschen verbunden. Das hat dazu geführt, dass jüngere Menschen mit ihrer Einsamkeit manchmal besonders wenig gesehen werden. Dabei können gerade die ersten großen Veränderungen im Erwachsenenleben schwierig sein: der Auszug von zu Hause, der Beginn einer Ausbildung oder eines Studiums, ein neuer Arbeitsplatz, eine neue Stadt. Man muss sich seinen Platz erst suchen und neue Beziehungen aufbauen.
Dazu kommt der ständige Blick auf das Leben anderer. Auf sozialen Medien sehen wir Urlaube, Freundeskreise, Hochzeiten, Geburtstagsfeiern und gemeinsame Unternehmungen. Wir sehen, wer scheinbar immer jemanden um sich hat. Die Momente, in denen diese Menschen selbst alleine sind, unsicher sind oder sich ausgeschlossen fühlen, sehen wir meistens nicht. So kann der Eindruck entstehen, mit einem selbst stimme etwas nicht.
Dabei ist Einsamkeit eine menschliche Erfahrung. Sie kann in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen auftreten.
Was uns bei Einsamkeit eigentlich fehlt
Wenn Menschen sagen, dass sie einsam sind, meinen sie nicht immer dasselbe. Manche wünschen sich mehr Menschen in ihrem Leben. Andere haben genug Kontakte, vermissen aber eine wirklich enge Beziehung. Wieder andere sehnen sich nach einer Gruppe, in der sie sich aufgehoben fühlen.
Es kann ein Mensch fehlen, mit dem man spontan einen Kaffee trinken geht. Ein Gegenüber, dem man auch einmal etwas Schwieriges erzählen kann. Ein Verein oder eine Gruppe, in der man regelmäßig dazugehört. Oder einfach das Gefühl, dass jemand an einen denkt.
Damit kommen wir zu einem Begriff, der bei der Diskussion über Einsamkeit eine wichtige Rolle spielt: Zugehörigkeit.
Wir möchten wissen, wo unser Platz ist. Wir möchten Teil von etwas sein und erleben, dass unser Dasein für andere Bedeutung hat.
Wie stark dieses Bedürfnis nach einem gemeinsamen „Wir“ ist, zeigt sich auch bei großen Ereignissen. Menschen, die sich vorher nicht kannten, können plötzlich gemeinsam feiern, mitfiebern oder sich für eine Sache begeistern. Was dabei psychologisch passiert, habe ich im Beitrag „Die Psychologie des Wir-Gefühls“ beschrieben.
Was gegen Einsamkeit helfen kann
Wenn jemand einsam ist, lautet ein gut gemeinter Rat schnell: „Du musst einfach mehr unter Menschen.“ So einfach ist es meistens nicht.
Wer lange wenig soziale Kontakte hatte, findet nicht automatisch Anschluss, nur weil er einmal einen Kurs besucht oder zu einer Veranstaltung geht. Beziehungen brauchen Zeit. Man muss sich wiedersehen, Vertrauen entwickeln und gemeinsame Erfahrungen machen.
Trotzdem können kleine Schritte etwas verändern. Eine alte Freundschaft wieder aufnehmen. Einen Menschen anrufen, mit dem man schon lange keinen Kontakt hatte. Eine Einladung nicht sofort ausschlagen. Einen Verein ausprobieren oder einen Ort aufsuchen, an dem regelmäßig dieselben Menschen zusammenkommen.
Und manchmal braucht es auch den Mut, jemandem zu sagen, dass man sich einsam fühlt.
Dieser Satz ist nicht leicht. Viele haben Angst, damit Schwäche zu zeigen oder andere zu belasten. Dabei kann gerade die Ehrlichkeit darüber eine Begegnung verändern.
Und was können wir für andere tun?
Beim Thema Einsamkeit denken wir meist an die Betroffenen und daran, was sie selbst verändern können. Eine andere Perspektive ist mindestens genauso wichtig. Wir alle kennen Menschen, die gerade durch eine schwierige Lebensphase gehen. Nach einer Scheidung. Nach einem Umzug. Nach dem Ende eines Arbeitsverhältnisses. Nach dem Tod eines Menschen. Oder einfach in einer Phase, in der sich das eigene Leben verändert und man noch keinen neuen Platz gefunden hat.
Nicht immer sagen diese Menschen, dass sie einsam sind. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen. Einen Kontakt nicht immer nur dann aufzunehmen, wenn es einen konkreten Grund gibt. Einen Nachbarn zum Kaffee einzuladen. Eine Kollegin zu fragen, ob sie nach der Arbeit noch mitkommt. Sich bei einem Freund zu melden, von dem man weiß, dass gerade vieles schwierig ist.
Es muss daraus nicht sofort eine enge Beziehung entstehen.
Manchmal ist es schon wichtig, dass jemand merkt: Ich werde gesehen.
Wir brauchen Orte, an denen Begegnung möglich ist
Damit Menschen miteinander in Kontakt kommen, braucht es auch Räume dafür.
Das können Vereine sein, Nachbarschaftsinitiativen, Bildungseinrichtungen, Kulturangebote oder einfach Orte, an denen Menschen regelmäßig zusammenkommen. Besonders hilfreich sind Situationen, in denen man nicht zuerst erklären muss, warum man da ist.
Gemeinsam etwas zu tun, erleichtert Begegnung. Man kocht zusammen, geht spazieren, singt, lernt etwas, engagiert sich oder spielt miteinander. Aus solchen regelmäßigen Begegnungen können Beziehungen entstehen, ohne dass sie von Anfang an das Ziel sein müssen.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Gemeinschaft lässt sich nicht verordnen. Sie braucht Gelegenheiten, in denen Menschen einander tatsächlich begegnen können.
„Gemeinsam geht mehr“
Der diesjährige Yellow September rückt mit seinem Schwerpunkt auf Einsamkeit genau diese Frage in den Mittelpunkt.
Was brauchen Menschen, damit sie sich verbunden fühlen? Was können wir selbst dazu beitragen? Und wie können wir unsere Umgebung so gestalten, dass Begegnung und Zugehörigkeit leichter möglich werden?
Auf diese Fragen gibt es keine einfache Antwort. Einsamkeit kann eine vorübergehende Lebensphase sein. Sie kann aber auch über lange Zeit bestehen bleiben und die psychische Gesundheit belasten. Wenn sie sehr stark wird oder mit Rückzug, Hoffnungslosigkeit oder anderen psychischen Belastungen verbunden ist, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein.
Vielleicht ist der Yellow September eine gute Gelegenheit, das Thema auch im eigenen Umfeld etwas bewusster wahrzunehmen.
Wen habe ich schon lange nicht mehr angerufen?
Mit wem würde ich eigentlich gerne wieder mehr Zeit verbringen?
Und wer könnte gerade jemanden brauchen, der einfach einmal fragt: „Wie geht es dir wirklich?“
Manchmal beginnt Verbundenheit genau dort.
Wenn du weiter über Verbundenheit und Einsamkeit lesen möchtest
Einsamkeit hat viele Gesichter. In meinen anderen Beiträgen geht es deshalb um unterschiedliche Seiten dieses Themas: um Menschen, die nach außen stark wirken und dennoch einsam sein können, um Freundschaften im Erwachsenenalter und um die Frage, was uns eigentlich miteinander verbindet.
Die stille Einsamkeit der Leistungsstarken
Warum gerade Menschen, die viel leisten, Verantwortung übernehmen und nach außen gut funktionieren, mit ihrer Einsamkeit oft lange unbemerkt bleiben.
Freundschaften im Erwachsenenalter – warum sie schwieriger werden
Was sich in unseren Freundschaften im Laufe des Lebens verändert und warum Nähe manchmal mehr Aufmerksamkeit braucht, als wir denken.
Die Psychologie des Wir-Gefühls
Warum wir Menschen Gemeinschaft brauchen, was Zugehörigkeit mit uns macht und weshalb sich ein gemeinsames „Wir“ so gut anfühlen kann.
Wer bin ich eigentlich, wenn sich mein Leben ständig verändert?
Was Veränderungen in unserem Leben mit unserer Identität machen können – und warum dabei manchmal auch unser Gefühl von Zugehörigkeit ins Wanken gerät.




