Was sage ich, wenn ich erfahre, dass jemand schwer erkrankt ist?
Wenn ein Mensch schwer erkrankt, fehlen uns oft die Worte. Was wirklich hilft – und warum Zuhören manchmal wichtiger ist als die richtige Antwort.
Manchmal fehlen uns die Worte.
Ein Mensch, den wir kennen oder lieben, erzählt uns, dass er schwer erkrankt ist. Vielleicht ist es Krebs, vielleicht eine andere Erkrankung, die das bisherige Leben plötzlich verändert. Und auf einmal stehen wir da und wissen nicht, was wir sagen sollen.
„Das tut mir leid“ fühlt sich zu wenig an. „Das wird schon wieder“ möchte man vielleicht gar nicht sagen, weil man selbst nicht weiß, ob es so sein wird.
Und schweigen? Das kann sich ebenfalls falsch anfühlen. Schließlich möchten wir dem anderen zeigen, dass wir da sind.
Also überlegen wir: Was sage ich jetzt?
Die wichtigste Antwort darauf ist vielleicht überraschend schlicht: Du musst nicht die richtigen Worte finden. Du musst nicht wissen, wie es weitergeht. Und du musst die Situation auch nicht besser machen können. Oft ist es zunächst genug, da zu sein.
Wenn eine Nachricht uns selbst sprachlos macht
Eine schwere Erkrankung betrifft nicht nur den Menschen, der die Diagnose bekommt. Auch Angehörige, Freund:innen und Kolleg:innen werden mit einer Situation konfrontiert, für die es keine fertige Reaktion gibt.
Eine solche Nachricht kann Angst auslösen oder Hilflosigkeit. Sie kann Erinnerungen an eine eigene Erkrankung oder an einen Menschen wecken, der bereits schwer krank war. Manchmal merken wir erst in diesem Moment, wie sehr uns das Thema selbst berührt.
Manche Menschen ziehen sich deshalb zunächst zurück. Nicht, weil ihnen die erkrankte Person weniger wichtig wäre, sondern weil sie nicht wissen, wie sie mit dem Geschehen umgehen sollen.
Andere werden sofort aktiv. Sie suchen nach Behandlungsmöglichkeiten, lesen über die Erkrankung, suchen Spezialist:innen oder überlegen, was jetzt alles organisiert werden könnte. Auch dahinter kann Hilflosigkeit stecken. Wenn wir etwas nicht verändern können, versuchen wir wenigstens, etwas zu tun.
Für den erkrankten Menschen ist genau das aber nicht immer das, was gerade gebraucht wird. Manchmal ist es wichtiger, mit der Nachricht nicht alleine bleiben zu müssen.
Was soll ich bloß sagen?
Einen perfekten Satz gibt es nicht. Viel wichtiger ist, dass das, was du sagst, der anderen Person Raum lässt.
„Danke, dass du mir das erzählst.“
Oder:
„Ich weiß gerade gar nicht, was ich sagen soll. Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich da bin.“
Auch eine einfache Frage kann viel öffnen:
„Wie geht es dir damit?“
Damit muss das Gespräch nicht sofort in eine bestimmte Richtung gehen. Die andere Person kann selbst entscheiden, ob sie erzählen möchte und wie viel sie erzählen will. Gerade nach einer schweren Diagnose kann das wichtig sein. Oft entstehen im Umfeld viele Fragen, während die betroffene Person selbst erst einmal versucht, zu verstehen, was gerade passiert.
Gut gemeinte Worte können Druck erzeugen
Wenn wir Angst um jemanden haben, möchten wir Hoffnung geben.
„Du musst positiv denken.“
„Du schaffst das.“
„Das wird bestimmt wieder gut.“
Solche Sätze entstehen meist aus Zuneigung. Trotzdem können sie zusätzlichen Druck erzeugen. Denn was bedeutet es, wenn es nicht gut wird? Oder wenn der Mensch gerade überhaupt nicht positiv denken kann? Dann kann neben der Belastung durch die Erkrankung noch das Gefühl entstehen, den Erwartungen der anderen nicht zu entsprechen. Dabei dürfen Hoffnung und Angst gleichzeitig da sein. Ein Mensch kann zuversichtlich sein und trotzdem Angst haben. Er darf verzweifelt sein, ohne den Mut verloren zu haben.
„Ich hoffe mit dir“ lässt etwas offen.
„Du musst hoffen“ tut das nicht.
Nicht jede Frage muss gestellt werden
Wenn wir erfahren, dass jemand schwer erkrankt ist, möchten wir häufig möglichst viel wissen.
Wie schlimm ist es?
Was haben die Ärzt:innen gesagt?
Welche Behandlung kommt jetzt?
Wie sind die Chancen?
Die Fragen sind verständlich. Aber nicht jede Information steht uns automatisch zu. Die erkrankte Person entscheidet selbst, was sie erzählen möchte und wann sie darüber sprechen will.
Eine Möglichkeit wäre:
„Wenn du darüber sprechen möchtest, höre ich dir gerne zu. Du musst mir aber nichts erzählen, was du nicht erzählen möchtest.“
Das ist etwas anderes als Nachfragen aus Sorge, Neugier oder dem eigenen Bedürfnis, die Situation besser einordnen zu können.
„Wenn du etwas brauchst, sag einfach Bescheid“
Auch dieser Satz ist gut gemeint. Und manchmal genau richtig. Für einen Menschen, der gerade mit einer schweren Erkrankung und vielleicht vielen Untersuchungen, Entscheidungen und Ängsten beschäftigt ist, kann es allerdings schwierig sein, selbst herauszufinden, was er braucht – und dann auch noch darum zu bitten. Konkrete Angebote können deshalb leichter anzunehmen sein.
Statt:
„Meld dich, wenn du etwas brauchst.“
kannst du zum Beispiel sagen:
„Ich kann dich am Dienstag zum Termin fahren. Wäre das hilfreich?“
Oder:
„Ich koche am Donnerstag sowieso. Ich bringe dir gerne etwas vorbei.“
Oder auch:
„Ich denke nächste Woche an dich und melde mich wieder.“
Das nimmt dem anderen nicht die Selbstständigkeit. Es macht Unterstützung lediglich greifbarer.
Manchmal ist Zuhören das Wichtigste
Wir haben oft den Eindruck, etwas Sinnvolles sagen zu müssen. Dabei muss ein Gespräch über eine schwere Erkrankung nicht immer besonders tief oder bedeutungsvoll sein. Vielleicht möchte jemand erzählen, wie der Tag war. Vielleicht möchte die Person über etwas völlig anderes sprechen. Sie möchte lachen, weinen oder einfach eine Weile schweigen. Und manchmal möchte sie überhaupt nicht über die Erkrankung sprechen. Auch das sollte möglich sein.
Eine schwere Erkrankung nimmt ohnehin viel Raum ein. Sie muss deshalb nicht automatisch jedes Gespräch bestimmen. Es kann sogar wohltuend sein, wenn jemand weiterhin als der Mensch wahrgenommen wird, der er vor der Diagnose war – mit seinen Interessen, seinem Humor, seinen Beziehungen und seinem ganz normalen Alltag. Nicht jede Begegnung muss sich plötzlich nur noch um Krankheit drehen.
Und wenn wir selbst Angst bekommen?
Auch das gehört dazu. Wenn ein Mensch, der uns wichtig ist, schwer erkrankt, werden wir daran erinnert, dass Gesundheit nicht selbstverständlich ist. Das kann eigene Ängste auslösen. Wir denken vielleicht über unsere eigene Gesundheit nach oder bekommen Angst vor dem Verlust. Manchmal fragen wir uns auch, ob wir selbst mit dem, was auf uns zukommen könnte, zurechtkommen werden. Diese Gefühle machen uns nicht zu schlechten Unterstützer:innen. Wichtig ist nur, dass die erkrankte Person nicht zusätzlich unsere Angst auffangen muss.
Es kann deshalb hilfreich sein, für die eigenen Gefühle einen anderen Ort zu finden – bei einer vertrauten Person, in einer Beratung oder gegebenenfalls in einer Psychotherapie.
Für jemanden da zu sein bedeutet nicht, selbst immer stark sein zu müssen
Manchmal reicht ein ehrlicher Satz. Wir müssen nicht versuchen, besonders souverän zu wirken oder eine Antwort auf etwas zu finden, auf das es vielleicht gar keine Antwort gibt.
Ein Satz wie
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Aber ich bin da.“
kann sehr viel ausdrücken.
Eine schwere Erkrankung lässt sich nicht wegreden. Wir können die Angst eines anderen Menschen nicht einfach nehmen, keine Prognose versprechen und keine Sicherheit herstellen. Was wir können, ist etwas anderes: Wir können einen Menschen wissen lassen, dass er mit dem, was gerade passiert, nicht völlig alleine ist. Und manchmal ist genau das die wichtigste Botschaft.
Wenn die Erkrankung auch das Umfeld belastet
Wer einen schwer erkrankten Menschen begleitet, trägt oft selbst viel mit. Zwischen Sorge, Hilfsbereitschaft, Alltag und der eigenen Angst kann es schwierig werden, die eigenen Grenzen wahrzunehmen.
Auch Angehörige dürfen Unterstützung brauchen.
Nicht erst dann, wenn gar nichts mehr geht. Schon der Gedanke „Ich komme mit dem, was gerade passiert, allein nicht mehr gut zurecht“ kann ein guter Grund sein, sich Unterstützung zu holen. Psychotherapeutische Unterstützung kann dabei helfen, die eigenen Gefühle zu sortieren, mit Angst und Hilflosigkeit umzugehen und einen guten Umgang mit der veränderten Situation zu finden. Für jemanden da zu sein bedeutet nicht, die eigenen Bedürfnisse verschwinden zu lassen.
Das könnte dich auch interessieren
Wenn die Zukunft unsicher wird: Wie wir damit umgehen, wenn wir nicht wissen, was kommt
Über das Bedürfnis nach Sicherheit und die Schwierigkeit, offene Situationen auszuhalten.
Hilfe annehmen: Warum es stark macht, Unterstützung zuzulassen - Wenn wir gewohnt sind, vieles alleine zu tragen.
Sorgen, Ängste und Angststörungen - Wenn Sorgen immer mehr Raum einnehmen und schwer abzuschalten sind.
Selbstfürsorge - Warum auch Menschen, die für andere da sind, ihre eigenen Bedürfnisse ernst nehmen müssen.
Häufige Fragen
Was sage ich jemandem, der gerade eine schwere Diagnose bekommen hat?
Es gibt keinen perfekten Satz. Ein ehrliches „Ich weiß gerade nicht, was ich sagen soll, aber ich bin da“ kann hilfreicher sein als eine gut gemeinte Floskel.
Soll ich nach der Erkrankung fragen?
Du kannst Interesse zeigen. Wie viel die betroffene Person erzählen möchte, sollte aber bei ihr liegen. Eine offene Frage wie „Möchtest du darüber sprechen?“ lässt ihr diese Entscheidung.
Soll ich Hoffnung machen?
Hoffnung kann wichtig sein, sollte aber nicht zum Druck werden. „Ich hoffe mit dir“ lässt Raum für unterschiedliche Gefühle. „Du musst positiv denken“ tut das eher nicht.
Wie kann ich konkret helfen?
Konkrete Angebote sind häufig leichter anzunehmen als ein allgemeines „Meld dich, wenn du etwas brauchst“. Eine Fahrt zu einem Termin, ein Essen oder praktische Unterstützung können eine große Hilfe sein.
Darf ich als Angehörige:r selbst überfordert sein?
Ja. Auch Angehörige können durch die Erkrankung eines Menschen psychisch stark belastet werden. Eigene Unterstützung anzunehmen bedeutet nicht, dass man zu wenig belastbar ist.




